Startseite Veröffentlichungen Bücher Lesen Sie hier den Anfang von W. Nestvogels Beitrag zum Buch „Gefährliche Stille“ (herausgegeben vom Maleachi-Kreis, Seite 81 ff.):

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Gefährliche StilleMan stelle sich vor: ein „normaler Evangelikaler“ aus dem Jahr (sagen wir) 1976, treues Mitglied einer landeskirchlichen Gemeinschaft oder Freien Gemeinde, regelmäßiger Teilnehmer an Veranstaltungen der Evangelischen Allianz, fällt plötzlich in ein Koma.

Er bekommt nicht mit, was sich in den folgenden Jahrzehnten innerhalb der christlichen Szene in Deutschland verändert. Im Jahr 2010 wacht er wieder auf,  besucht wie in früheren Jahren den Gottesdienst seiner Gemeinde, erfährt von aktuellen Angeboten der jetzigen Evangelischen Allianz, erhält Einladungen zu Kongressen von Willow Creek und Emerging Church, bekommt ein Abonnement der Zeitschrift „aufatmen“ und hört begeisterte Vorberichte von den geplanten Aktionen zum Jahr der Stille. Ich wage zu behaupten: Dieser Mensch findet sich nicht mehr zurecht.

Er fragt sich, was das für ein neuer Glaube ist, der ihm in seinen vormals vertrauten Kreisen plötzlich begegnet. Er erinnert sich an die alten Vorträge über New-Age-Spiritualität, die er in seinem Jugendkreis selbst gehalten hatte.  Jetzt werden diese Inhalte, vor denen damals die Christen einmütig gewarnt hatten, von Vertrauenspersonen der evangelikalen Szene propagiert. Auch der Gnadauer Gemeinschaftsverband macht mit beim Jahr der Stille, genauso wie der Chef des Evangeliumsrundfunks (der hieß schon damals ERF). Der Name des Journalisten ist ihm noch bekannt,– richtig, der leitete schon in den 70er Jahren die „junge welle“, ein missionarisch-mutiges Jugendmagazin. Der Mann ist theologisch kaum wiederzuerkennen und hat neulich sogar in einer Fernsehdiskussion betont, er glaube gar nicht, daß Gott die Welt in sechs Tagen erschaffen habe.

Unser Erwachter kann sich nur noch wundern, auch darüber, daß katholische Priester und Mystiker wie Anselm Grün nicht mehr als Vertreter einer falschen Lehre, sondern als Ratgeber für geistliches Leben empfohlen werden. Was ist hier los, fragt er sich? Ist das alles nur ein Mißverständnis, habe ich Halluzinationen als Spätfolge des Komas … oder bin ich wirklich in einer völlig veränderten (evangelikalen) Welt aufgewacht?

Erschrecken oder Gewöhnung

Unser fiktiver Koma-Patient erinnert an den Frosch aus dem berühmten Temperatur-Experiment. Von einem Moment auf den anderen wird er aus einem ihm vertrauten Milieu in eine Schale mit kochendem Wasser hineingeworfen – und springt voller Schrecken sofort wieder heraus. Der krasse Gegensatz läßt ihn die Veränderung sogleich und schmerzhaft bemerken. Wie viele nicht-fiktive Evangelikale gleichen dem anderen Frosch aus dem parallel durchgeführten Versuch. Die Wassertemperatur in dessen Schale wird nur ganz langsam erhöht, sukzessive über einen langen Zeitraum hinweg. Der Frosch registriert die schleichende Veränderung kaum, er bleibt in seinem Milieu sitzen, er läßt alles mit sich geschehen, er wehrt sich nicht und flüchtet nicht … bis er schließlich in einer überhitzten Schale ohne Aufregung und Gegenwehr stirbt.

Die religiösen und geistigen Inhalte, die den Christen mit dem Jahr der Stille zugemutet werden, haben längst, um im Bild zu bleiben, den theologischen „Siedepunkt“ überschritten. Die in diesem Buch dargelegten Fakten müssen das leider eindeutig belegen. Dennoch reagieren gestandene Christen und früher bewährte Glaubenswerke nicht mit erschrockener Gegenwehr. Sie fragen nicht: Was haben wir falsch gemacht, was haben wir versäumt, daß in unserem Milieu eine solch tödliche theologische Temperatur entstehen konnte. Sie wehren sich nicht und flüchten nicht. Sie lassen diese spirituellen Hochtemperaturen nicht nur geduldig über sich ergehen, sondern heißen sie fröhlich willkommen, schüren sie selbst mit und laden andere dazu ein, sich ebenfalls in diesem Milieu heimisch einzurichten.

Nicht vom Himmel gefallen

Die in unserem Buch dargestellten unbiblischen Lehren und Praktiken gebärden sich so dreist und plump, daß es keiner besonders ausgeprägten diakritischen Begabung bedürfen dürfte, sie als das zu erkennen, was sie sind: Häresien, seelengefährdende Verirrungen. In jenem  Jahr, als unser vermeintlicher Patient ins Koma fiel, hätte das durchschnittliche bibellesende Gemeindeglied auf den ersten Blick geurteilt, daß die speziellen Angebote des Jahres der Stille für einen Christen nicht akzeptabel, sondern glaubensschädigend sind. Seitdem ist viel geschehen, das zu einer sukzessiven Klimaveränderung in weiten Teilen des Evangelikalismus beigetragen hat.

Das Jahr der Stille ist nur ein Symptom. Es ist nicht vom Himmel gefallen, sondern die Frucht einer langsam voranschreitenden Zerstörung christlicher Fundamente. Daß wenige Vorreiter fragwürdige Projekte ersinnen, ist weder aufregend noch außergewöhnlich. Daß aber eine breite Koalition von Glaubenswerken und Meinungsbildnern, die sich als evangelikal verstanden oder noch verstehen, dem mystischen Zug der Lemminge folgt, kann nur als Folge eines nachhaltigen Unterwanderungsprozesses verstanden werden.

Wer sich an lebensrettenden Maßnahmen beteiligen will, kommt nicht umhin, die Faktoren dieses geistlichen Temperaturwandels zu untersuchen. Die in diesem Rahmen gebotene Kürze erfordert den Mut zum Holzschnitt. Dabei soll es nicht bleiben. Unser Kapitel möchte Problemfelder skizzieren, die wir in den nächsten Jahren gründlich bearbeiten, verstehen und bewältigen müssen, wenn die kommenden Generationen vor jenen zerstörenden Entwicklungen geschützt werden sollen, die dieses Jahr der Stille erst möglich gemacht haben.

 

1. Der verlorene Kompaß

Es ist keine deutsche Spezialität, sondern wir teilen eine Not, welche die gesamte westliche Christenheit in den letzten Jahrzehnten erschüttert hat: Die Bedeutung von verbindlicher Lehre wurde zunehmend in Frage gestellt…

Den vollständigen Text lesen Sie in „Gefährliche Stille“, CLV 2010, S.81-96. Bestellungen können erfolgen über

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