Startseite Archiv Allgemein Was haben wir zu hoffen? - Die Zukunftserwartung der drei sogenannten „abrahamitischen Religionen“

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Was haben wir zu hoffen? - Die Zukunftserwartung der drei sogenannten „abrahamitischen Religionen“

 w_nestvogelBeim folgenden Artikel handelt es sich um die gekürzte Fassung eines Vortrags, den der Verfasser im Rahmen der Reihe „Endzeit-Kompass" in Breckerfeld gehalten hat. Der Stil der Rede wurde weitgehend beibehalten.

Ihre Wahrheitsansprüche konkurrieren heftig miteinander. Dennoch weisen Judentum, Islam und Christentum einige strukturelle Gemeinsamkeiten auf. Sie berufen sich auf Abraham. Sie glauben, daß es nur einen Gott gibt (Monotheismus). Sie vertrauen der Autorität eines Buches (Bibel, bzw. Koran), das sie für göttlich inspiriert halten. Und sie folgen einer klar bestimmten Zukunftshoffnung, sie erwarten das Finale der Geschichte als sichtbaren Anbruch der Herrschaft Gottes. Während die östlichen Religionen zyklisch denken – im Kreislauf von „Wiedergeburt", die als Reinkarnation verstanden wird – streben die sogenannten „abrahamitischen Religionen" jeweils einem Ziel entgegen, das ihnen von Gott offenbart worden sei.

Deshalb ist es möglich, diese drei Systeme im Hinblick auf ihre Zukunftserwartungen miteinander zu vergleichen: Das weltweite Friedensreich des Messias im Judentum und Christentum, das Haus des Islam bei den Moslems. Bekanntlich unterscheidet der Koran strikt zwischen dem „Haus des Islam" und dem „Haus des Krieges". Wo noch kein Islam herrscht, gilt der Eroberungsauftrag. Dieser Krieg wird auf unterschiedliche Weise geführt, je nachdem, wieviel offene Machtanwendung und Gewalt man sich in strategischer Hinsicht schon leisten kann. Endziel ist die ganze Welt als vollständig erobertes „Haus des Islam".

Da die Zukunftskonzepte von Juden, Christen und Moslems konsequent auf ein weltumspannendes Reich zielen, stehen sie nicht nur in Konkurrenz zueinander. Sie fordern auch zu andere Weltanschauungen heraus, die ebenfalls bestimmte Formen von Weltherrschaft anstreben, wie etwa der Kommunismus. Auch das humanistische Einheitsideal, das eine globalisierte Struktur mit Zentralregierung und universaler Gemeinschaftsreligion vorsieht, folgt einer eschatologischen Hoffnung.

Wollen wir die drei Zukunftskonzepte in dem vorgegeben Zeitrahmen miteinander vergleichen, müssen wir uns auf einige markante Punkte konzentrieren und eine zuspitzende Darstellung riskieren. (Der im Folgenden verwendete Begriff der „Eschatologie" bezeichnet die Lehre über das Ende, bzw. Ziel. Sie behandelt sowohl das Ende der Welt als auch das Ende des einzelnen Menschen.)

1. Die Zukunftserwartung des Judentums

1.1.Die Position des Alten Testaments

Die klassische Eschatologie des Judentums ist die alttestamentliche Position. Allerdings hat das Judentum in der Folgezeit noch andere Vorstellungen entwickelt und etabliert.

Die zentrale Figur der jüdischen Zukunftserwartung ist der Messias. Dafür bietet natürlich das Alte Testament eine breite Basis. Es verheißt den Menschensohn, der die Weltherrschaft antritt und als endzeitlicher Richter wiederkommt (Dan. 7,13-14). Der demütige König reitet auf dem Esel ein (Sach 9,9) und wird sich dennoch als Weltherrscher erweisen. Selbst der leidende Gottesknecht aus Jesaja 53 soll schließlich „die Starken zum Raube haben"(V.12), also am Ende siegen.

Der Messias dient seinem Volk Israel, damit es Gottes Vollendungsziel erreicht. Auf dem Weg dorthin müssen Leid, Vertreibung und Zerstreuung überstanden werden, aber am Ende führt der Gott Israels sein Volk (in Gestalt eines „gläubigen Überrestes") verheißungsgemäß in das angestammte, eigene Land zurück.

Der Messias – das Volk – die Stadt: Jerusalem wird am Ende zum Nabel der Weltgeschichte. Schließlich darf Israel sicher im eigenen Land leben, selbst die Heidenvölker werden sich aufmachen zum Zion, wie es die „Prospekte" des künftigen Fridensreiches ankündigen (Jes 2,1-5; Micha 4,1-5). Die äußere Veränderung der Situation wird mit einer inneren Herzensumkehr einhergehen (Hesk 11,19; 36,26).

Ein großer Teil des jüdischen Volkes wird sich dann gemeinsam zu dem Messias bekehren, den ihre Väter durchbohrt hatten (Sach 12,10). Der wird als letzte Rettung und Hoffnung für sein Volk machtvoll eingreifen und ein bis dato unbekanntes Friedensreich errichten (Millennium). Schließllich kommt, durch letzte Gerichte hindurch, als Endziel die neue Schöpfung (Jes. 65,17). - Das ist, im groben Abriss, die Zukunftsvorhersage des Alten Testamentes, die klassische Eschatologie des Judentums.

1.2. Die Zeit zwischen den Testamenten

Aber dabei ist es nicht geblieben. In der Phase zwischen AT und NT, jenen rund vierhundert Jahren zwischen dem letzten Prophenten Maleachi und dem Kommen des Messias, entwickelte das Judentum weitere Zukunftsvorstellungen, die bis heute maßgeblich sind. Dabei bekam das Thema der politisch-nationalen Befreiung ein immer stärkeres Gewicht.

Seit 63 v.Chr. liegt dann das römische Joch auf dem jüdischen Volk. Der Nachkomme Davids soll es davon befreien. Darum wird Jesus jubelnd begrüßt, als er königlich in Jerusalem einreitet. Alle früheren Informationen über den Messias werden jetzt in die politische Hoffnung hineingeformt, er müsse die Römer und ihre Fremdherrschaft endlich beenden. Auch darum wollen viele Zeitgenossen in Jesus nur einen politisch und militärisch agierenden König sehen.

Qumrans „Kriegsregel"

Ab dem 2. Jahrhundert v. Chr. profiliert sich eine jüdische Sekte, die dem Zukunftsthema starke Bedeutung beimisst - die Essener von Qumran.

Die jüdische Mehrheit dagegen arrangiert sich pragmatisch mit der Fremdherrschaft, genau wie die Sadduzäer, die zu jener Zeit entstehen. Die Pharisäer zeigen ein sensibleres theologisches Gewissen: sie treten wenigstens als kritische Begleiter innerhalb des Systems auf. Nur die Essener verlassen unter Protest das Tempelsystem und ziehen sich nach Qumran an das Tote Meer zurück. Sie wollen das machtvolle Eingreifen des Messias durch einen rigoristischen Lebensstil und strenge Reinigungsrituale herbeiführen.

Unter ihren zahlreichen Schriften findet sich die „Kriegsregel". Darin wird ein Endkampf angekündigt, in dem die Kinder des Lichts gegen die Kinder der Finsternis streiten. Erstere werden unter der Führung des Messias die Welt endgültig erobern. Das ist eine Vorstellung, die sich in frommen jüdischen Kreisen seit jeher immer wieder gezeigt hat.

Neben der universalen gibt es auch in Qumran eine persönliche, individuelle Eschatologie. Danach werden die Gerechten im ewigen Licht leben und sich des ewigen Lebens erfreuen. Die Bösen werden Schmach erleiden und schließlich durch das Höllenfeuer vernichtet werden. Das klingt schon wieder ziemlich vertraut für uns Christen. Aber nicht alle Juden teilen diese Sichtweise.

1.3. Das zeitgenössische Judentum

Im zeitgenössischen Judentum gibt es natürlich auch verschiedene theologische Strömungen, die man grob in drei Rubriken einteilen kann: orthodoxe Juden – liberale Juden – die Mittelposition des sog. „konservativen Judentums". Letztere kristallisiert sich im 19. Jahrhundert heraus und will Traditionstreue mit Modernität verbinden. Selbst innerhalb dieser drei Traditionsströme existieren zum Teil unterschiedliche Erwartungen demgegenüber, was der Messias bei seinem Kommen tun wird.

Sehen wir z.B. auf das orthodoxe Judentum. Die Gruppe Agudat-Israel lehnt den säkularen Judenstaat ab (läßt sich jedoch gerne von der Armee schützen und nutzt die öffentliche Müllabfuhr...). Sie betonen, dass Israel nicht ihr Staat sei, erst wenn der Messias komme, werde Israel das Land erhalten. Die Gruppe der Siedler vom Gusch Emunim, der sogenannte „Block der Treuen", kehrt die Reihenfolge um: Nein, der Messias werde kommen, nachdem Israel jeden Quadratmeter Boden besetzt habe, der ihm aufgrund alttestamentlichen Prophezeiungen zustehe. So gegensätzlich die Vorstellung bezüglich der Einzelheiten auch sein mag, gemeinsam geht es den Orthodoxen immer um den Messias und die Erlösung des Volkes, verstanden als national-politische Befreiung von den äußeren Feinden.

Was muss der Messias, den dieses Judentum erwartet, nicht tun? Es geht nicht darum, dass er den Einzelnen von seiner Sünde befreit, das ist nicht seine Aufgabe. Sondern es geht ausschließlich um die politische Befreiung des Volkes.

Darin zeigt sich der deutlichste Widerspruch zwischen der aktuellen jüdischen Eschatologie und dem, was das Alte Testament sagt. Der erwartete jüdische Messias werde das Volk von der äußeren Bedrückung befreien, aber er komme nicht, um den Einzelnen von seiner Sünde zu erlösen. Schon 135 n.Chr. führt Simon Bar Kochba die Juden in einen Aufstand gegen Rom und scheitert folgenreich. Nach ihm ist die Situation schlimmer, denn je. Jerusalem wird umbenannt in Aelia Capitulina und darf von den Juden für einige Zeit nicht mehr betreten werden.

Auf Bar Kochba folgen später noch weitere Messiasprätendanten (Scheinmessiasse), die ihre Versprechen nicht einlösen konnten.

Der politische Messias

Das ist also die große politische Dimension. Für die persönliche Zukunft ist der Messias nicht zuständig. Nach dem Tod kommt es zu einer Trennung von Gerechten und Sündern. Es gibt auch Überlegungen über einen Zwischenzustand, zwischen Tod und leiblicher Auferstehung, bei dem die gerechten Seelen in Ruhekammern untergebracht sind, während die sündigen Seelen noch ruhelos umherschweifen. In der Endzeit werden dann alle Toten auferweckt und es kommt zur endgültigen Scheidung zwischen Hölle und Paradies.

Der entscheidende Protagonist der Endzeit ist der Messias. Das Volk kann – so glaubt man - seine Ankunft beschleunigen, wenn es ein gesetzestreues Leben führt. Daher der berühmte Satz: Wenn Israel nur einen einzigen Sabbat alle Vorschriften beachten würde, dann würde der Messias kommen.

Im Laufe der Zeit hat sich die Lehre der Zwei-Messias-Gestalten entwickelt. Der demütige Messias, das ist der Ben Josef, kommt als Vorhut. Er wird zwar scheitern, jedoch das Feld bereiten für den mächtigen Messias, der schließlich den Sieg bringt. Das ist der Messias Ben David.

Andere Juden haben die Messias-Idee auf den säkularen Staat übertragen und gesagt: „Dieser Staat Israel, der hier entsteht, ist der Keim des messianischen Zeitalters." Es ist gewissermaßen der erste Messias, der alles vorbereitet.

Dieser „Messias" kommt also nicht, um den einzelnen von den Sünden zu erlösen. Der Messias des Judentums muss kein Sühneopfer für die Sünden bringen, das ist auch nicht nötig. Der jüdische Messias braucht nicht den Weg von Jesaja 53 und Psalm 22 zu gehen.

Optimismus

Darin zeigt sich ein weiterer typischer Aspekt der jüdischen Denkweise: nämlich eine viel zu optimistische Sicht des Menschen. Im Vergleich mit der biblischen Position kann man von einer verharmlosenden Anthropologie sprechen, die das Judentum bis heute prägt - und die übrigens auch Paulus vor seiner Bekehrung prägte. Prägnant zusammengefaßt findet sich diese Sicht in den Worten des berühmten jüdischen Religionsphilosophen Leo Baeck (1873-1956):

„In dem wollenden Glauben an das Gute besteht der Optimismus des Judentums. Es ist der Glaube an Gott und der daraus folgende Glaube an den Menschen. An Gott, durch den das Gute seine Wirklichkeit hat und an den Menschen, der das Gute zu verwirklichen vermag. Alle Ideen des Judentums lassen sich hierauf zurückführen."

Daraus folgt ein Verständnis des Menschen und der Gnade, das dem des Katholizismus nicht unähnlich ähnlich ist. Auch dieser rechnet mit den Folgen des Sündenfalls nicht in seiner letzten Radikalität. Das hat weitreichende Folgen für das gesamte religiöse Denksystem.

Natürlich vertreten viele säkulare Juden eine völlig andere Position als die hier skizzierte. Sie rechnen nicht mit messianischer Hilfe: „Es gibt keine übernatürlich herbeigeführte Zukunft, sondern wir haben jetzt diesen Staat und den werden wir weiter ausbauen. Wenn uns das gelingt, dann haben wir eine Zukunft und wenn wir scheitern, dann haben wir keine Zukunft."

2. Die Zukunftserwartung der Christen

Hier geht es nicht um eine vollständige Darstellung der biblischen Endzeitlehre, schon gar nicht um eine Diskussion verschiedener Ansätze und Konzepte, die miteinander im Streit liegen. Ich beschränke mich auf einige wenige Aspekte, die für den Religionsvergleich besonders wichtig sind.

Entscheidend ist die Verbindung zwischen den beiden Dokumenten, die wir Christen als Altes und Neues Testament bezeichnen. Die Zukunftserwartung der Christen schließt logisch und konsequent an die Vorgaben des Alten Testaments an und führt diese weiter. Auch für diesen Zusammenhang gilt Jesu programmatische Aussage in der Bergpredigt (Matt 5,17-18): „Ihr sollt nicht meinen, dass ich gekommen bin das Gesetz oder die Propheten aufzulösen. Ich bin nicht gekommen aufzulösen, sondern zu erfüllen. Denn wahrlich, ich sage euch, bis Himmel und Erde vergehen, wird nicht vergehen der kleinste Buchstabe noch ein Tüpfelchen vom Gesetz, bis es alles geschieht."
Damit stellt Jesus sich ohne jede Einschränkung auch hinter die Aussagen des Alten Testaments. Für die Zukunftserwartung ergeben sich daraus zwei Kernthesen.

2.1. Die christliche Eschatologie versteht sich als Vollendung und Fortführung der klassischen jüdischen Eschatologie.

Das Alte Testament zielt von Anfang an über sich hinaus. Es kündigt an, daß „einer kommen wird". Es kann bis zum Ende jedoch nicht davon berichten, daß „einer gekommen ist". Das Alte Testament muss unvollständig, muss unabgeschlossen bleiben. Es versteht sich selbst als unvollendet. Wohlgemerkt: Nicht fehlerhaft, sondern unvollendet. Jedes Wort ist wahr, das im Alten Testament steht, das hat der Herr Jesus ganz deutlich gesagt (Joh 10,30 u.ö.). Aber vieles ist noch nicht gesagt, was aus Gottes Sicht noch zu sagen sein wird.

Das Alte Testament können wir vergleichen mit Moses letztem Blick vom Berg Nebo: Er sieht das Land in der Ferne, aber er ist noch nicht da. Und er kennt noch nicht alles, was dort sein wird und was dort kommen wird. So ist das Alte Testament dem Messias nicht nur zeitlich voraus, sondern es führt auch direkt zu ihm hin. Und das Neue Testament nimmt diese vorbereitende Offenbarung dann konsequent auf, setzt es um und führt es weiter.

So kann der große Rahmen, den etwa Daniel vorgegeben hat (in seiner Prophetie von den 70 Jahrwochen in Daniel 9,24-27), erst vom Neuen Testament her verstanden und ergänzt werden. Die 69. Jahrwoche endet mit dem ersten Kommen des Herrn Jesus. Darauf folgt die Zeit der Gemeinde, die zur Zeit noch andauert. Diese mündet schließlich in die 70. Jahrwoche, bestimmt durch eine 7-jährige Trübsalszeit. Sie wird abgeschlossen durch die Wiederkunft Jesu zur Aufrichtung des 1000-jährigen Reiches.

Zu dieser Einordnung und Gesamtschau kommen wir nicht allein durch Daniel – sondern erst in der sorgfältigen Kombination alttestamentlicher und neutestamentlicher Hinweise. Viele Aussagen des Neuen Testaments können wir nur richtig einordnen, wenn wir Daniel 9 kennen. Und Daniel 9 bliebe unvollendet ohne die ergänzenden Hinweise der Offenbarung des Johannes und der anderen neutestamentlichen Schlüsselstellen. So wird die alte jüdische Eschatologie durch das Neue Testament fortgeführt und vollendet.

Das führt uns zu einer zweiten Kernthese:

2.2. Der neutestamentliche Messias vollendet und überbietet sein alttestamentliches Ankündigungsprofil.

Was das bedeutet, hat der ehemalige Rabbiner Rudolf Hermann Gurland sehr persönlich erfahren. Das Alte Testament kannte er nahezu auswendig. Dennoch fand er keinen inneren Frieden darüber. So entstand eines Tages dieser verzweifelte Brief an einen Freund:

„Es scheint mir immer, als fehle der Heiligen Schrift, damit meint er das was wir jetzt Altes Testament nennen, als fehle der Heiligen Schrift etwas. Der Brennpunkt, in welchen sich alle göttlichen Strahlen vereinigen. Das Gebäude ist prächtig, aber mir scheint die Spitze oder die Kuppel zu fehlen, die es krönen muss. O Lieber, ich stehe am Rande der Verzweiflung wenn ich die heiligen Schriften des alten Bundes studiere. Möge Gott sich meiner erbarmen."

Dieser Rabbiner hatte verstanden: Im Alten Testament ist so viel vorbereitet, es ist soviel angelegt - aber es bleibt unvollständig. Es ist wie ein wunderbarer Bau, dem die Kuppel fehlt, die Krönung, der Abschluss, die Vollendung. Erst als Gurland Jesus kennenlernte, wußte er, was ihm gefehlt hatte. Erst da wurde das Bild vollständig und der kunstvolle Bau vollendet.

So eng die Verbindung zur klassischen jüdischen Zukunftserwartung ist, so deutlich ist auch der Unterschied zum zeitgenössischen Judentum. Der christliche Messias ist ein Wiederkommender. Er war schon einmal da, er ist ein „alter Bekannter", wenn auch sein zweites Kommen unter völlig anderen Umständen erfolgen wird. Dann gilt: Krone statt Krippe.

Und die Hauptaufgabe des christlichen Messias besteht darin, persönliche Schuld zu vergeben und Sünder zu Gotteskindern zu machen. Gewiß, für sein Volk Israel kommt er am Ende auch als Retter aus politischer Bedrängnis – aber zum Heil geschieht das nur für jene Juden, die ihn dann auch als ihren persönlichen Retter und Sünderheiland anrufen. Der Überrest, der am Ende gerettet wird (das „ganz Israel" aus Römer 11,26), glaubt an den Jesus, den der Römerbrief verkündigt.

Der das tausendjährige Friedensreich aufrichtet, kommt als Heiland für Sünder. Nur wer den Messias als seinen persönlichen Erlöser anruft, wird von seiner Schuld gerettet werden. Auch für die Mitglieder des jüdischen Volkes gibt es keinen Weg zum Heil der an Jesus Christus, dem Gekreuzigten und Auferstandenen, vorbeiführte. Keiner wird ohne Bekehrung zu Jesus in den Himmel kommen.

So abgrundtief verloren, so „tot in Sünden" (Eph 2,1) ist der Mensch, daß er einen persönlichen Erlöser braucht. Die radikale Not des Menschen, wie sie das Neue Testament im Unterscheid zum zeitgenössischen Judentum beschreibt, kann nur durch den Erlöser-Messias gewendet werden.

Mit dieser radikalen Anthropologie stoßen wir an einen kritischen Punkt, der den christlichen Glauben sowohl vom zeitgenössischen Judentum als auch vom Islam unterscheidet.

3. Die Zukunftshoffnung des Islam

Auch im Zukunftskonzept des Islam treffen wir auf Elemente, die uns bereits vertraut sind. Am Ende der Zeit werden alle Menschen auferstehen und zum Gericht vor Allah erscheinen müssen, sagt der Koran. Diesem Ende werden bestimmte Vorzeichen vorangehen, bis schließlich das „jüngste Gericht" stattfindet und eine unwiderrufliche Zweiteilung in Paradies und Hölle bewirkt.

Diese Ähnlichkeiten mit Judentum und Christentum sind dadurch zu erklären, daß viele Stoffe des Koran in Anlehnung an biblische Texte entstanden sind. Aber der Koran ist nicht einfach ein „Plagiat" (eine unerlaubte Abschrift) der Bibel, sondern hat deren Texte nachhaltig verändert und umgedeutet.

Wegen dieser Entstehungsgeschichte gibt es Ähnlichkeiten auch in der Zukunftserwartung. Die Unterschiede aber überwiegen.

Wir konzentrieren uns hier auf einige Aspekte der persönlichen Eschatologie.

Für die Zeit unmittelbar nach dem Tod geht der Koran von einem gewissen Dämmerzustand aus. Die islamische Tradition (dem Koran nachgeordnet, dennoch wichtig) weiß noch mehr zu sagen: Zwei strenge Engel, Munkar und Nakir, legen den Verstorbenen vier Prüfungsfragen vor: „Wer ist dein Gott, wer ist dein Prophet, was ist deine Religion und in welche Richtung betest du?" Und dann muß ein guter Moslem natürlich antworten: „Mein Gott ist Allah, mein Prophet ist Mohammed, ich bin Moslem und ich bete in Richtung Mekka." Deshalb flüstern viele Angehörige den Sterbenden sicherheitshalber diese Worte ein, damit sie auf das Engelverhör vorbereitet sind.

Nur nach bestandener Prüfung werden sie dann am sicheren Ort aufbewahrt, bis das jüngste Gericht kommt. Andernfalls wartet weitere Qual. Das jüngste Gericht wird eingeleitet durch kosmische Vorgänge, die Erde bebt, die Berge wanken, es kommt der letzte Posaunenstoß. Manche Teile der Überlieferung, jenseits des Korans, sprechen sogar von der Wiederkunft Isais. (Dabei handelt es sich um ein gefälschtes Double von Jesus: ohne Gottessohnschaft, Sühnetod und Auferstehung.) Am Ende werde dieser Isai dann das Kommando an Mohammed weitergeben und sich ihm unterwerfen.

Hölle oder Paradies

Zum Jüngsten Gericht werden alle auferweckt. Wieder sagt die spätere islamische Tradition mehr als der Koran. Am Ende stehen die Menschen auf der Höllenbrücke zusammengedrängt und rufen nach einem Fürsprecher. Zunächst wenden sie sich an Adam, aber der sagt: "Ich kann nicht Fürbitte für euch tun, ich habe selber die Sünde in die Welt gebracht, wendet euch an Noah." Noah verweist weiter an Abraham. Aber das sind auch Sünder. Schließlich wird die Stafette an Isai weitergereicht, der seinerseits auf Mohammed verweist: Mohammed wirft sich vor Allah nieder und seine Fürbitte wird erhört. Es folgt der doppelte Ausgang – Paradies oder Hölle.

Dabei wird das Paradies vor allem als ein Ort der Sinnesfreuden verstanden. Nahezu alles, was der Koran zum Paradies sagt, deutet in diese Richtung: beste Speisen, hervorragende Weine, schönste Frauen, alles wird dem Moslem präsentiert. Und wer im heiligen Krieg stirbt, darf gewiß damit rechnen, schnell ins Paradies zu gelangen. Die anderen haben keinen Grund zu Heilsgewißheit, sondern müssen auf das abschließende Urteil Allahs warten, dessen Ratschluß bisweilen undurchschaubar bleibt.

Keine Bedeutung bei der Beschreibung des Paradieses hat die Gemeinschaft mit Allah selbst (vgl. als Gegensatz 1. Joh 3,2f.). Allah bleibt fern und fremd, auch im Paradies. Am Ende aber steht Allahs Herrschaft über alle Welt und es gibt nur noch das Haus des Islam.

4. Zusammenfassung und Vergleich

Zwischen den drei Zukunftsvorstellungen gibt es auffällige Gemeinsamkeiten. Sie lassen sich zum einen durch den inneren Zusammenhang von AT und NT erklären, zum anderen durch die oben beschriebene Entstehungsgeschichte des Korans.

Dennoch dominieren die Unterschiede und Gegensätze. Die klassische jüdische Position und das christliche Verständnis verdanken sich der biblischen Offenbarung des lebendigen Gottes. Die späteren jüdischen Konzepte und der Koran (sowie die spätere islamische Tradition) stammen aus anderen Quellen als dem Wort Gottes.

An drei Punkten sollen diese Gegensätze beispielhaft gezeigt werden.

4.1. Das Verhältnis zur Gewalt

Das Gesetz des Islam ist die Scharia. Sie leitet sich ab vom Koran, von der mündlichen Überlieferung Mohammeds und von den Berichten über Mohammeds Lebensweise (in der sog. „Sunna"). Die Scharia versteht sich nicht als ein moralisches Gesetz, das einen Idealzustand beschreibt. Sie ist vielmehr ein Strafgesetz, das praktisch angewandt werden will.

Dazu bedarf es einer starken Exekutive. Deshalb geht es im Islam immer um Macht und Durchsetzungskraft. Dabei darf, muß, Gewalt angewendet werden. Die Verwirklichung der islamischen Theokratie erlaubt und fordert den Heiligen Krieg.

Darum soll sich der einzelne Moslem nötigenfalls mit handfester Gewalt dafür einsetzen, daß die Zukunftsperspektive des Islam verwirklicht wird. Wer dem Lebensvorbild Mohammeds folgt, hat damit keine Probleme. Auch sein Weg war davon gekennzeichnet, daß er Kriege führte und seine Ziele mit brutaler Gewalt verwirklichte. Ebenso sollen korantreue Moslems daran mitarbeiten, Allahs Herrschaft durchzusetzen.

Wir Christen wissen dagegen, dass uns jegliche Gewaltanwendung bei der Ausbreitung von Gottes Reich verboten ist. Der in Macht und Herrlichkeit wiederkommende HERR wird sich selbst durchsetzen und dann alle seine Feinde sichtbar entmachten.

Unsere Aufgabe besteht jetzt darin, allein durch die Verkündigung des Evangeliums sein Reich auszubreiten. Daraus folgt ein total gegensätzliches Verständnis dessen, was ein Märtyrer sei: Im Islam ist der Märtyrer gegebenenfalls bereit, Gewalt anzuwenden und dabei nicht nur selbst zu sterben, sondern auch andere Menschen mit in den Tod zu reißen. Der christliche Märtyrer dagegen ist Zeuge (martys), das Evangelium sein Zeugnis (martyria). Zum Blutzeugen wird er nur dann, wenn sein eigenes Blut vergossen, er also für sein gewaltloses Zeugnis getötet wird. Unser geistlicher Kampf geschieht, wie die Reformatoren gesagt haben, „non vi sed verbo" (nicht mit Gewalt, sondern mit dem Wort).

4.2. Das Bild vom Menschen (Anthropologie)

Der Koran und auch das spätere Judentum (im Unterscheid zum AT) kennen nicht jene radikale Sicht des Menschen, wie sie uns in der Bibel offenbart wird: er ist verloren und völlig „tot" in seiner Sünde, abgrundtief von Gott getrennt und dessen heiligem Zorn verdientermaßen ausgeliefert (Eph 2,1; Joh 3,36 u. ö.).

In der Sicht des Korans dagegen ist der Mensch nicht hoffnungslos böse, nicht völlig verdorben durch den Sündenfall. Die Sünde richtet sich auch nicht gegen Allah persönlich, sondern höchstens gegen den Mitmenschen. In der Bibel lesen wir es genau umgekehrt: Sünde ist immer zuerst Sünde gegen Gott. Wir sind ohne Christus Gottes Feinde und Kandidaten der Hölle. Auch wenn wir schuldig werden an unserem Nächsten, ist das immer zugleich Schuld gegenüber dem heiligen Gott, weil es ein Vergehen gegen seine Geboten und seinen Willen ist (vgl. Mk 2,1 ff.). Unsere Grund- und Hauptschuld besteht gegenüber unserem Schöpfer, dem wir die Liebe und die Anbetung, die Hingabe, den Gehorsam und die Verehrung verweigern.

Der Islam kennt diese Radikalität nicht. Allah ist zu fern, um ihm gegenüber persönlich schuldig werden zu können. Schuld kann repariert werden. Wenn der Moslem sich genügend bemüht, dann ist ihm möglicherweise zu helfen. Darum braucht der Moslem keinen Erlöser, sondern nur einen Propheten, der ihm den rechten Weg zeigt. Gehen muß er ihn dann selbst und aus eigener Kraft. Der Moslem braucht keinen persönlichen Mittler, der ihm die Schuld abnimmt. Mohammeds Rolle im Gericht beschränkt sich auf Fürbitte und hat nichts mit stellvertretender Schuldübernahme zu tun.

Die Zukunftsperspektive des Christen ist dagegen auf einen persönlichen Mittler angewiesen, der durch seinen stellvertretenden Sühnetod am Kreuz die Rettung aus dem Gericht erwirkt. Die irrtumslose Bibel sagt uns, wer der Mittler ist und wie wir mit ihm in Verbindung kommen können. Aber unser Mittler ist eine Person, der Herr Jesus Christus selbst.

Daraus folgt ein dritter Unterschied, auf den in diesem Zusammenhang noch hinzuweisen ist.

4.3. Die Gewissheit, bzw. Ungewissheit des Heils

Wenn es um den Einlaß in das Paradies geht, kann auch der Koran vom Glauben sprechen. Die Brücke ins Paradies, „Schirat" genannt, ist scharf wie ein Schwert und dünn wie ein Haar. Die Ungläubigen gleiten darauf aus und fallen herunter, aber die Gläubigen überschreiten sie. Und wer das richtige Glaubensbekenntnis hat, der kann mit Mohammeds Fürsprache rechnen.

Glaube meint hier aber nur das Akzeptieren des Korans, nicht etwa persönliches Vertrauen auf Gottes Rettung und Gnade. (Beim echten biblischen Glauben gehören persönliches Vertrauen und das Akzeptieren biblischer Lehre immer zusammen!)

Aber selbst ein rechter Glaube im Sinne des Korans vermittelt dem Gläubigen keine Gewissheit, daß seine Zukunft bei Allah geborgen und sein Heil verbürgt sei. Es ist zuverlässig überliefert, daß selbst zwei Kalifen, also unmittelbare Nachfolger Mohammeds, kurz vor ihrem Tod nicht wussten, ob sie denn zu Allah in den Himmel kommen würden oder nicht. So soll Abu Bakr kurz vor seinem Tod zu Mohammeds Lieblingsfrau Aischa gesagt haben:

„Ach liebe Tochter, dies ist der Tag meiner Befreiung und der Erlangung meines Lohnes. Wenn es Freude ist, wird sie dauern, wenn es Kummer und Leid ist, wird es nie aufhören."

Da war die Frage von Hölle oder Paradies noch nicht beantwortet.

Was kommt nach dem Tod?

Und sogar von Mohammeds engstem Vertrauten, Omar, bleiben am Ende nur Worte der Ungewissheit:

„Ich bin nichts anderes als ein Ertrinkender, der die Möglichkeit der Flucht ins Leben sieht und darauf hofft, aber trotzdem Angst hat, er könne sterben und es verlieren ... Hätte ich den ganzen Osten und Westen, so gern würde ich alles aufgeben, um von dieser schrecklichen Furcht, diesem Entsetzen, das über mir hängt, frei zu werden. Dass er nicht weiß, wo er endet. Wehe über Omar, wehe über Omars Mutter, wenn es dem Herrn nicht genehm sein sollte, mir zu verzeihen."

So schwebt über dem Moslem die ständige Ungewissheit im Hinblick auf seine Zukunft. Sie bleibt ein undurchdringliches Schicksal ...Kismeth!

Der Islamwissenschaftler Johann Boumann hat die Not dieser Ungewissheit eindrücklich formuliert: Auf seiner letzten Lebensstrecke

„geht der Moslem diesen Weg letztlich allein. Der Koran lehrt nämlich, dass jeder für seine eigenen Taten verantwortlich und niemand im Stande ist, ihm diese Verantwortung abzunehmen. Also auch nicht durch Vergebung. Außerdem weiß der Moslem, dass er in jeder Sekunde seines Lebens unter der unergründlichen Allmacht Allahs steht."

Wohlgemerkt: der Moslem steht nicht unter der liebevollen Fürsorge Allahs, sondern unter dessen unergründlicher Allmacht. Und er weiß nie, in welche Richtung der Finger Allahs deuten wird. Nach oben oder nach unten. Letztlich steht der Mensch in einsamer Ungewißheit diesem allmächtigen Gott gegenüber.

Auch die Bibel weiß von einem allmächtigen Gott zu reden. Aber dieser wahre, allmächtige Gott lässt seine Geschöpfe nicht in Unwissenheit und lässt sie nicht zittern darüber, was möglicherweise sein könnte oder auch nicht. Sondern unser Gott gibt uns feste Verheißungen, sichere Zusagen: in seinem Wort und durch seinen Sohn Jesus Christus. Was für ein Gegensatz!

Die allerletzte Frage

Vor einiger Zeit diskutierte ich mit einem freundlichen Moslem. Er meinte, daß unser christliches Verständnis der Schöpfung und die Ablehnung der Evolutionstheorie dem strengen Islam sehr nahe sei. Das mag sein, antwortete ich, aber es ändert nichts daran, daß wir an den lebensentscheidenden Punkten getrennt sind. „Ist Jesus Christus auferstanden oder nicht?" Da waren wir wieder bei der Zukunftsfrage!

Auf diesen archimedischen Punkt laufen früher oder später alle Religionsvergleiche zu. Die letzte große Frage lautet: „ Wer hat das Gegenmittel gegen den Tod?" Dieses Gegenmittel hat nicht die Eschatologie des zeitgenössischen Judentums, dieses Mittel hat erst recht nicht die Eschatologie des Islam. Sondern die Antwort darauf hat nur der Herr Jesus Christus der wirklich, leibhaftig von den Toten auferstanden ist und der dafür gesorgt hat, dass uns diese Tatsache durch glaubwürdige Dokumente zuverlässig und irrtumsfrei berichtet wurde. Darum gibt es Hoffnung, auch für jenen Moslem, der vor einiger Zeit voller Verzweiflung folgenden Brief an ein christliches Werk schrieb:

„Die Ärzte sagen mir, dass ich Krebs habe und nur noch zwei Monate zu leben. Ich bin erst 45 Jahre und ich weiß nichts Gewisses, Verbindliches über Gott. Lebt Mohammed? Kann ich ihm vertrauen und dem, was er sagt? Kann ich zu ihm beten? Oder ist Jesus Christus lebendig und kann ich mich an ihn wenden? Wie kann ich in den Himmel kommen? Ich habe keine Zeit mehr, die Religionen zu studieren, ich brauche dringende Hilfe! Ich sterbe, was ist die Antwort?!"

Das ist die Schicksalsfrage: „Wer hat die Antwort auf eine Zukunft, die mich bedroht?" Nur Jesus ist die Antwort, weil er den Tod besiegt hat! Und wer die Zukunft jedes einzelnen bestimmt, der hält auch die Zukunft der Welt und der Völker in seiner starken, durchbohrten Hand. Darum bleibt es dabei, was unsere Glaubensväter gesungen haben: „Es wird nicht Friede werden, bis Jesu Liebe siegt, bis dieser Kreis der Erden, zu seinen Füßen liegt." Dann sind alle Zukunftsfragen endgültig beantwortet.

— Dr. Wolfgang Nestvogel